TANZ DER TEUFEL

TANZ DER TEUFEL

Im halbjährlichen (keineswegs musikalischen) Rhythmus mahnt uns die bayerische Staatsregierung zum Stillstand. Dies gibt Befürwortern und Gegnern des Tanzverbotes immerhin die Freiheit regelmäßig die Sinnhaftigkeit dieses zumeist kirchlich gestützten Unterlassungsgesetzes zu reflektieren und zu diskutieren.

Aguascalientes, Mexiko. Während in München an Allerheiligen ab zwei Uhr morgens Tanzverbot herrscht, findet mit der mexikanischen Variante Día de los Muertos ein farbenprächtiger Umgang mit dem Tod statt. Der Tanz ist ein willkommener Bestandteil dieser Festivität, deren indigenen Wurzeln bis zu den Olmeken ins vorchristliche Jahrtausend zurückgreifen und die von spanischen Missionaren mit Allerheiligen und Allerseelen zusammengelegt wurde. Zu den Festtagen sind die Straßen mit Blumen geschmückt und Totenschädel aus Zucker grinsen unverfroren aus Geschäftsauslagen. Musikveranstaltungen, Tanzaufführungen, Theaterstücke und Paraden bilden einen Großteil des Programms.

Die Symbiose aus Amüsement und dem pietätvollen Gedenken an die Verstorbenen scheint nicht nur möglich sondern hat sich in diesem Kulturkreis bereits etabliert.
In Bayern hingegen werden die neun stillen Tage, die bis auf den Volkstrauertag (Sonntag vor 2 Wochen) allesamt christlichen Ursprungs sind, traditionell bierernst interpretiert. Im bundesweiten Vergleich liegt der CSU-dominierte Freistaat hinter Baden-Württemberg (18 stille Tage) und Hessen (15 stille Tage) an dritter Stelle. Berlin, Bremen und Schleswig-Holstein geben sich am wenigsten restriktiv und lassen das Tanzbein bei drei stillen Tagen am öftesten schwingen. Es wird wohl keinen Leser überraschen, dass die Häufigkeit unbesetzter Tanzflächen der politischen Landkarte entspricht, und insbesondere die katholische Kirche ihren Einfluss in den konservativen Parteien geltend macht. So werden Verbot und Strafe instrumentalisiert, um aufgeklärten Bürgern sämtlicher Couleur die eigenen Vorstellungen von Trauer aufzuzwingen und ihrer Eigenständigkeit zumindest ein Stück weit zu berauben.

Nicht viel jünger als das Verbot an sich, ist wohl der Wunsch Wege zu finden eben dieses zu umgehen. Einige Clubs riskieren einfach von den Ordnungshütern erwischt und zu einer Geldbuße von einigen tausend Euro verdonnert zu werden. Andere Gaststätten gewähren zum Tanzverbot nur geschlossenen Gesellschaften zutritt, da es sich dann nicht mehr um eine öffentliche sondern um eine private Veranstaltung handelt. Natürlich findet diese Idee Nachahmer, die versuchen öffentliche Spektakel als private zu deklarieren. Die Strafe ist bekannt. Betreiber größerer Clubs bieten zum Tanzverbot im Allgemeinen keine herausragenden Events an und weichen aus. So fanden insbesondere am zweiten Novemberwochenende dieses Jahres außerordentlich viele Veranstaltungen statt, da die beiden umliegenden Wochenenden jeweils ein Tanzverbot inne haben. Dies benachteiligte sowohl die Lokalitäten, die sich einer größeren Konkurrenz und Umsatzeinbußen stellen mussten, als auch die Gäste, die das Überangebot mitunter so sehr überforderte, dass sie zur Erholung einen Urlaub buchen mussten, nach Aguascalientes, Mexiko.

Wir danken unseren lieben Freunden von dem Salon zur wilden Renate Berlin, die uns freundlicherweise das geile Bild zur Verfügung stellen. Es versteckt sich auch ein tanzwütiger Bayer im Bild. Erkennt ihr unseren lieben Michal Zietara?

© Fotografie: Lena Burmann / Salon zur wilden Renate

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 Veröffentlicht von…
Dr. Love
Klaus Palermo bei Google+ | veröffentlicht am 8. Dezember 2014
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Über Dr. Love

Dr. Love, früher bekannt als „Disco Daniel“ aus dem P…., ist unser liebenswert grantelnder Exil-Ösi mit Hang zur exzentrischen Feierei in ausgefallenen Techno-Nächten. Auf dem Weg zum Professor Love ist er außerdem unser Mann für Zahlen und Kalkulationen. Neuerdings schmeißt er auch mit Buchstaben um sich.

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