Die hohe Kunst des Auswanderns wenn es Zuhause nicht mehr passt

Die hohe Kunst des Auswanderns wenn es Zuhause nicht mehr passt

Wütend haue ich mit der flachen Hand auf den Ausknopf meines Radios und mein Auto tut einen entrüsteten Hopser angesichts dieser unerwarteten Dusche meiner Aggression. Jetzt weiß ich wieder warum ich kein Radio höre. Die Musik ist eine Vergewaltigung a … Die hohe Kunst des Auswanderns wenn es Zuhause nicht mehr passt weiterlesen

Wütend haue ich mit der flachen Hand auf den Ausknopf meines Radios und mein Auto tut einen entrüsteten Hopser angesichts dieser unerwarteten Dusche meiner Aggression.

Jetzt weiß ich wieder warum ich kein Radio höre. Die Musik ist eine Vergewaltigung an meinen Ohren und die Moderatoren die Créme de la Créme das Comedy-Abschaumes.

Haha. Sehr lustig denke ich mir ca. bei jedem zweiten Satz. Wertvolle Lebenszeit die ich so nie wieder bekommen werde. Absolute Energieverschwendung euch auch nur zuzuhören.

Und das Thema diesmal? Die durchaus angenehm klingende Stimme der Dame die fröhlich zwitschernd aus meinen Boxen schwallt informiert mich über eine neue Aktion im Worldwideweb. Vielmehr auf Instagram. Oder war es Twitter?

#wasmichandeutschlandstört

Instant fallen mir tausend negativ geladene Gründe ein, die mein Hirn zu diesem Hashtag ausspuckt.

Aber weniger sind es Gründe aufzuzählen, die dieser Hashtag mich aufzuzählen sucht, sondern eher die Tatsache dass es echt jemand für nötig hält diesen überhaupt ins Leben zu rufen.

Aber klar- die Deutschen sind Könige wenn es darum geht auf äußerst hohem Niveau zu jammern. Ich fass es einfach nicht, als ich mir die Beispiele der sogenannten User und Follower reinziehe.

Geht’s noch? Woanders hungern die Kinder, Zehnköpfige Familien schlafen in einem Zimmer und können sich dabei noch glücklich schätzen, weil sie überhaupt ein Dach über dem Kopf haben. Und hier?

#Dosenpfand #DasProgrammaufRTL2  #KanzlerinMerkel #GEMA #hohesteuern…  Achdujemine. Ich gebe mir die Litanei noch ganze zwei Minuten bevor ich beschließe genug an meinem schlechten Karma gearbeitet zu haben. Die Strafe ist vorbei, ich nutze eine Ampel um mein Handy anzustecken und endlich wieder was für meinen Seelenfrieden zu tun. Ahhhh. Geliebter Nico Stai. Sing meine schlechte Laune weg.

Trotz aller Bemühungen des spanischen Ohrenschmeichlers. Diese Hashtagdiarrhö bleibt in meinem Geist haften wie Superglue.

Es ist ein Jahr her, da habe ich mich selbst kaum von der ewig meckerigen Allgemeinheit des deutschen Volkes kaum abgehoben. Und es war schlimmer. Denn ich wohnte damals, wie heute wieder, in München. Mehr Dekadenz an leckmirdieschuhe findest du wirklich kaum.

Mein Gehalt war mir nicht mehr genug. Dreißig Urlaubstage fand ich eine Frechheit. Meine Wohnung zu klein. Das Wetter zu schlecht. Nicht hip genug. Alle Männer nur scheisse. Alles scheiße. Entschuldigt die Wortwahl. Aber schon klar, in Nachbars Garten ist das Gras immer grüner.

Ich stand morgens auf und hätte schon im Kreis und oder Herzchen, wenn’s sein hätte müssen dann auch Einhörner kotzen können. Alles war mies. Deutschland auf Platz zwei und München auf der eins.

Eines Morgens beschloss ich, mich aus dem Jammertal zu erheben wie Phönix aus der Asche. Hier würde es aufhören. Und neu starten. Alles auf Null. Weißes Blatt-jetzt.

Also gab ich meine Wohnung auf, verkaufte all mein  Mobiliar, stellte mein Auto bei meiner Ma mehr oder weniger in den Vorgarten, kündigte meinen Job in einer elitären Firma. Wieso auch bleiben, wenn sogar der Hund ins Handgepäck passt?

Mit wehenden Fahnen strahlte ich ins Meldeamt und grinste die Frau auf der anderen Seite des Tisches  an, säuselte mit leiser Genugtuung meinen neuen Wohnort als Antwort auf ihre Frage was denn der Ort meines Wegzugs sei: Amsterdam. Eat this.

Malle

Yey. Oh du Leben. Liberalität. Qualität. Ich komme. Tschüss hässliche Ex-Beziehung, nervige Arbeit, kleine Bumsbude.

Ich war sowas von bereit für mein neues Leben jenseits des nervigen Weißwurstäquators. Raus aus Deutschland. Ich kehre euch den Rücken.

Voller Euphorie meldete ich mich an und trat meinen neuen Job an. Ich hechtete von einem Festival zum nächsten und genoss das ausnahmslos megagute Wetter in meiner neuen Heimat.

Ich tat alles was man zuhause eben nicht hatte tun können. Ohne Helm auf der Vespa fahren, die entgegen der Vorschriften nicht auf 25 gedrosselt war. Ich kaufte mir fünf Sorten Gras und bewahrte sie alle mitten in meinem Wohnzimmer auf. Ich trank Alkohol in der Arbeit und tarnte es als Borrel. Ich ließ meine Hunde in den Park scheissen ohne es weg zu räumen. Ich aß viel zu viel frittiertes und fuhr mit wildfremden Menschen auf einem Bötchen über die Amsterdamer Grachten, obwohl ich sie gerade erst fünf Minuten kannte.

Warum? Einfach weil all das hier ging. Ich hatte das perfekte Leben. Ich genoss europäischen Standard und dabei jede Freiheit die ethisch nur möglich war.

Wenn ich also Samstags meine Sparhunde einpackte und an den Strand fuhr wusste ich- ich hatte alles richtig gemacht. Raus aus den Fesseln und rein in die Niederländische Lebensfrohe Einstellung. Alles wird gut und jammern hat keinen Sinn, man kann es eh nicht ändern. Vielleicht besser machen.

Mit jedem Mal an dem mich die Lufthansa ins beschauliche München verfrachtete wusste ich. Die beste Entscheidung meines Lebens. Denn Lufthansa steht für Deutschland. Ständig jammern auf hohem Niveau. Streiken, schlechter Service und dabei null kulant, Servicewüste vom Feinsten dabei viel zu überteuert.

Amsterdam ik hou van jou.

Es war auch OK, dass ich Bergkäse neben gutem Brot und der reichhaltigen und günstigen Produktvielfalt aus dem DM aus Deutschland exportierte. Noch lange sah ich keinen Grund mein neues Lieblingszuhause jemals wieder zu verlassen.

Es war es mir wert auf Drogeriemärkte zu verzichten. Einen dreimal so hohen Preis für mein Shampoo zu bezahlen wie in Deutschland. Ich ignorierte die Monotonie in der Freizeitgestaltung die sich allmählich anschlich, wenn ich merkte ich hatte die Wahl zwischen Strand und Festival. Oder Festival am Strand. Ich kannte beinahe alle Nutten im Rotlichtviertel. Hatte alle Museen durchgekaut noch bevor die Bäume ihre Blätter ließen. Ich kannte jedes gute Restaurant und hatte noch immer keinen Geschmack an der flämischen Küche gefunden. Eintopf und frittiertes. Jede Boutique, jedes Kaffee dass es lohnte zu besuchen war auf meiner Liste abgehakt oder per Zufall entdeckt.

Ich wollte nicht mehr kiffen, weil alles was legal ist, ist nicht mehr spannend.

Es nervte mich dass meine Hunde zwar kacken durften wo sie gerade gingen oder standen, sie dabei aber meistens an der Leine gehalten werden mussten. Ich konnte den Prosecco am Freitag nicht mehr sehen und vor allem- fehlte mir die Natur. Überall gab es Zäune oder Häuser oder Zäune und Häuser.

Wenn jemand frug wie es mir nach einem halben Jahr in Amsterdam so ging dann setzte ich ein strahlen auf und log knallhart „super ey, wie kannst du es in München nur aushalten. So lame, nichts geboten. Und ganz ehrlich, wenn ich Berge will, dann fliege ich eben ein Stündchen runter“.

Alles easy. Mein Leben hatte mir regelmäßig bedeutet: und bist du nicht willig so brauch ich Gewalt. Und hatte mich aus einem eigentlich guten Leben rein in ein selbstgebasteltes Chaos manövriert. Aber ich war so cool So hip. Bleibt doch alle da wo ihr seid. Ich bin so hart free. I’m livin’it.

Fakt war, ich litt völlige Sehnsucht. Nach der kulinarischen Vielfalt der deutschen Küche. Dem spontanen Trip in die Berge oder an den Lago. Unbebaute Natur. Skifahren. Wandern. Baden am See. Biergarteln. Klettern. Mich besaufen und dann nicht eine viel zu gigantische Auswahl an Clubs zu haben. Auswahl macht die Sache nicht leichter.

Meine Gedanken landen plötzlich im Hier und Jetzt als mich ein BMW-Fahrer abdrängt. Ich lächle nachsichtig. Ihr lieben guten süssen Deutschen. Fahr ruhig vor mit deiner Potenzschleuder. Mein Fiat und ich sind nicht auf der Flucht. Das zumindest habe ich aus Holland mitgebracht. Stoische Ruhe.

Kurz denke ich wieder an den Hashtag des Tages #wasmichandeutschlandstört.

Der Hashtag ist zu lang. Das stört mich. Und was noch? Das immer alle meckern, obwohl doch eigentlich alles gut ist. Vor allem hier in München. Gut die Wohnungen sind zu teuer. Und es gibt nur eine feine Auswahl an Restaurants. Immer dieses Gejammer. Ihr wollt ein überschäumendes Angebot an Kunst Kultur Clubs und Desweiteren? Hemmungslos der Konsumwelt frönen weil es nichts dekadenteres gibt, als über mangelnde Bespaßung zu jammern. In einer Welt in der gequält und gemordet, gelogen und gestohlen wird. In der wir unseren Planeten ausrauben damit auch die hippen Boutiquen nach der ja die ausgehungerten deutschen und die ewig schlechtgelaunten Münchner so schreien gut beliefert werden ohne dass die Mage von zweihundert Prozent Einbußen davon trägt…

Dekadenz, was ein Wort. Ich lenke mein kleines Auto auf die Autobahn und vor mir tut sich ein blaues Band purer Freude auf. Die Berge. Hinter mir meine kleine heile Welt. München. Ein Örtchen in dem ich mich relativ sicher bewegen kann. Auch Nachts. Auch als Frau. Und wenn’s mich nervt dann gab mir mein Leben die Mittel um die Ferne anzusteuern. Sei es als Reiseziel oder zeitweilige Residenz.

Hinten auf der Rückbank streiten sich meine Hunde um den besten Platz in der Box. Ich lächle und denke mir. Klappe da hinten. Wenn es euch nicht passt, dann wandert doch aus.

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 Veröffentlicht von…
joya
Klaus Palermo bei Google+ | veröffentlicht am 16. Mai 2017
joya

Über joya

...unser jüngster Zuwachs ist endlich wieder in München. Zeit wurde es! Nach einem längeren Ausflug in die Allgäuer Gefilden, ist unser Paradiesvogel mit der feinsinnigen Schreibfeder endlich bei MMA gelandet. In ihrer Stadtkolumne wird sie sicher vielen aus der Seele schreiben. Wir freuen uns extremst darüber.

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