München ein urbanes Dorf?

München ein urbanes Dorf?

Hamburg ist die Perle an der Elbe, Berlin ist hip, Paris ist die Stadt der Liebe, New York schläft niemals und München? Größtes Dorf Europas oder urbanes Zentrum Bayerns?

© Foto: Wolfgang Stahl Photography
Viel geht es derzeit um die architektonische Gestaltung der „Weltstadt mit Herz“, darum wie man den immer rarer gleichzeitig aber auch immer teurer werdenden Platz neu/umgestalten kann und muss.
Seit 2011 hat München einen Zuzug von 100.000 Einwohnern und die immer drängendere Frage nach infrastruktureller Anpassung schreit nach einer Antwort. Es geht nicht nur um bezahlbaren Wohnraum, sondern auch um die immer weiter aufklaffende soziale Schere, um die Integration von Flüchtlingen, um die Gentrifizierung von Kreativschaffenden und um die Gestaltung sowie Nutzung öffentlichen Raums.

Münchener Stadtplanung und Baumaßnahmen

Es darf ja im Münchner Zentrum nicht höher als die Frauenkirche gebaut werden und auch generell sieht es der Stoderer nicht gern, wenn aus einem zweistöckigen Haus ein vielstöckiges werden soll. Aber oftmals ist der Platz nach oben die einzige Möglichkeit innerstädtisch Wohnraum zu schaffen. Auch gibt es Diskussionen, die Brachen im Umland und zwischen den S- und U-Bahnlinien zu nutzen und infrastrukturell aufzuwerten. München platzt aus allen Nähten und braucht daher innovativere Ideen. Eine Umverteilung ist dringend nötig, damit auch der Mietspiegel sich wieder einigermaßen erholt. Damit Menschen sich das Leben in München wieder leisten können und nicht Luxussanierungen das Maß aller Dinge bleiben.

Einen Versuch, eine Antwort für ein lang umstrittenes Projekt zu geben, haben angehende Landschaftsarchitekten der Technischen Universität München gemacht. Es geht um den Max-Joseph-Platz vor der Oper. Viel Platz, der durch die Tiefgaragenzufahrt zergliedert ist und dadurch auch kaum nutzbar. Warum nicht die Zufahrt zur Tiefgarage an den Rand legen und den gesamten Platz begrünen? Oder gleich die Tiefgarage umnutzen, in Ateliers für die vielen an den Rand der Stadt gentrifizierten Künstler der Stadt?

Soziales Miteinander in München

Aber auch um integrative Lösungen wird gerungen. Vorzeigeprojekt ist hier selbstredend das Bellevue di Monaco, welches nach langem hin und her endlich ein „Go“ bekommen hat. Die leerstehenden Häuser in der Müllerstraße werden also nicht, wie es Münchner Tradition verlangen würde, in Luxusapartments mit Dachterrasse und Swimmingpool umgebaut, sondern renoviert und zu einem Wohn- und Treffpunkt für und mit Flüchtlingen. Mitten in bester Wohnlage.

Und gleich um die Ecke, im Münchner Stadtmuseum beschäftigt sich die Ausstellung „Luxus der Einfachheit“ mit ähnlichen Fragen. Welche alternativen Lebensmodelle gibt es und wie können diese auch im urbanen Raum umgesetzt werden. Als Münchner Beispiel werden Aufnahmen einer Wagenburg im Schlachthofviertel gezeigt. Überraschend moderne und innovativ gestaltete Bauwägen sieht man dort. Mobile Gärten und einen Spielplatz. Eine wunderbare Weise vorhandenen und vor Allem brachliegenden Platz im vollgestopften München zu nutzen. Nur auch hier stellt sich wie so oft die Frage nach der Dauer. Wie lange dürfen die Wägen noch stehen und welche Alternativen könnte es geben, sollte der Platz saniert werden? Vielleicht sollte sich München hier ein Beispiel an Hamburg nehmen, mit seinen fest installierten Wagenburgen.

Gestaltung des öffentlichen Raums

Die Nutzung öffentlichen Raums ist und bleibt eine Herausforderung für die nördlichste Stadt Italiens. Viele Ansätze gibt es. So zum Beispiel die Gruppe „Whats the deal“, die mit Ihren mobilen Skateramps, den Nomadic Sculptures, immer wieder neue Orte belebt und neu erfahrbar macht. Oder auch die urbanen Gärtner von den Initiativen o’pflanzt is! und Green City, die ihre eigenen Viertel neu bepflanzen und so ein bisschen Natur zwischen die Betonbauten zaubern. Die Stadt ein bisschen bunter und nachhaltiger machen. Aber immer dreut das Ende, sind doch viele Lösungen immer dem Konzept der Zwischennutzung unterworfen. Schön ist es, wenn sich Orte wie das BieBie in Freimann oder das Kreativquartier bilden und leerstehende Gebäude neu interpretiert werden, aber eben immer nur für begrenzte Zeit.

Die Münchner müssen sich die Frage nach dem wie stellen. Wie wollen wir wohnen? Wie soll München wachsen und welche Akzente sollen gesetzt werden? Und vielleicht sollten wir trotz aller Gemütlichkeit doch ein bisschen mehr Mut zeigen, Mut zu Neuem.

Wir sind alle gefragt

Aber nicht nur wir stellen uns diese essentiellen Fragen, die die Zukunft Münchens weisen. Auch im aktuellen Dialog-Projekt der Münchener Kammerspiele ‚Urban Places Public Spaces‘ geht es um strukturelle und soziale Änderungen in unterschiedlichen Städten. Auch über eine große Umfrage der TU München, die bis Ende des Jahres läuft, will man herausfinden, was vor allem Neu-Münchener oder neu situierte Einwohner antreibt, wie sie leben und leben wollen.

Macht bei der Umfrage mit und zeigt, was euch wichtig ist. -> Zur Umfrage

Auch wenn vieles schön, gemütlich und einfach im teils entschleunigten aber andererseits doch so leistungsorientierten München ist, so muss sicherlich doch in Vielem nachgebessert, optimiert, verändert werden, damit ein sozial gerechtes, umweltfreundliches und urbanes Miteinander möglich ist.

München und Bayern sind gewiss nicht die „Vorstufe zum Paradies“ lieber Herr Seehofer!

Einen etwas zynischen Blick auf die Münchener Leistungsgesellschaft und das soziale Leben in München  liefert auch Frank Schitzo in seiner Kolumne -> Verlieren in der Stadt der Gewinner | Großstadt mit Grantlern

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 Veröffentlicht von…
Viola
Klaus Palermo bei Google+ | veröffentlicht am 22. Februar 2015
Viola

Über Viola

Viola aka Vyvy ist unsere zuckersüsse, am Sendlinger Tor aufgewachsene, Expertin für alle kulturellen und künstlerischen Belange. Als Ethnologin und Mitarbeiterin einer Kunstgalerie hat sie den entsprechenden Weitblick und ein besonderes Gespür für Kultur im feuilletonistischen wie auch interkulturellen Sinne.

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